|
|
AmuletteSheila Paine
Zum InhaltDie Autorin Sheila Paine ist vielen Lesern als Expertin für ethnographische Textilien, speziell Stickereien, bekannt. In deutscher Übersetzung erschien ihr Buch „Bestickte Textilien aus fünf Kontinenten“ (Embroidered Textiles: Traditional Patterns from Five Continents) im Paul Haupt-Verlag. Sie ist auch eine begnadete Reisebuchautorin. Auf ihrer Suche nach dreieckigen textilen Amuletten entstanden drei Bücher: 1) The Afghan Amulet: Travels from the Hindu Kush to Razgrad, 2) The Golden Horde: Travels from the Himalaya to Karpathos, und 3) The Linen Goddess: Travels from the Red Sea to Prizren. Nur letzterer Titel ist noch beim Londoner Verlag Pallas Athene erhältlich (e-mail: afw@pallasathene.co.uk) und kostet dort £ 14,99. Mir gelang es, die ersteren Bücher antiquarisch zu ergattern. Nach der Lektüre war ich nicht mehr erstaunt, dass sich das Interesse der Autorin von der Amulettfunktion bei Stickereien auf das Studium von Amuletten überhaupt verlagert hatte. Dieses Thema bearbeitet sie gründlich, ohne den modischen Erscheinungen unserer Zeit zu erliegen (Verehrung von Göttinnen oder Kristalldeutung im New Age-Trend). Sie bezieht sich auf die Träger der Amulette selbst, auf Literatur von Sammlern und auf Museumssammlungen. Dass es sich hierbei nicht nur um ein historisches Phänomen handelt, bezeugen die heutigen Teufelsaustreibungen mit Kreuz und Weihrauch in Italien, Prinz Andrews Kupferarmband gegen Rheuma und ein 300.000 Euro teures Amulett gegen Autounfälle, das die Autorin im Mittleren Osten sah. Im vorliegenden Buch gibt Sheila Paine viele Beispiele von Gegenständen, die gegen widrige Kräfte schützen – gegen das böse Auge, gegen Hexenkraft, Feinde, Krankheiten oder Unfälle. Sie werden in kurzen Kapiteln thematisch abgehandelt, zunächst als Schutz gegen Gefahren (Seuchen, Krieg, Unglück auf Reisen etc.), dann nach Gesichtspunkten bzw. Gelegenheiten (Körper & Seele, Handel & Gewerbe, Hexenwerk), nach Motiven, Farben und Gegenständen. Die Autorin sucht auch nach übergeordneten Prinzipien, die hinter diesem Volksglauben stecken, z. B. der Einteilung der Welt in drei Reiche, in die untere Welt (Wassertiere und kriechende Wesen), die mittlere Welt (Menschen) und die obere Welt (Vögel, Geister etc.). Sie unterscheidet Weltgegenden, in denen man sich eher gegen das böse Auge schützt (Europa, Vorderer Orient, Zentralasien) und solchen, in denen man eher irdische Kräfte fürchtet (Afrika). Im abschließenden Kapitel beschreibt Sheila Paine, wie sie sich von einem Heiler in Kamerun ein Amulett für die Reise anfertigen lässt. Sie geht den Ingredienzien nach und stellt fest, dass das Tigerfett nicht aus dem Zoo des nahe gelegenen Ortes kommen kann, weil es dort gar keinen Zoo gibt. Sie weiß aber, wie viele Afrikaner sich mit diesem Mittel gegen Aids schützen, weil es keine Medikamente gibt. Ein prächtiges Buch, das zur Hälfte von Textilien oder textilverwandten Objekten handelt, die zumeist aus der reichen Sammlung der Autorin stammen! – Mir fehlt jetzt noch ein Buch, eine Art Kulturatlas, das die Bezüge zwischen den verschiedenen Kulturen abbildet und diese mit den neueren Forschungen über die Wanderbewegungen der Völker in Einklang bringt. Aber vielleicht ist das die Aufgabe eines Netzwerks von Ethnographen aus allen Teilen der Welt. |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||