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Einführung:
Entfaltung und Strukturwandel der Textilproduktion Europas

Zeittafel (in englisch)

(Link zum korrespondierenden Zeitraum in der Zeittafel (in englisch))

Die ältesten Zeugnisse textiler Produkte stammen nicht aus Mesopotanien oder Ägypten, sondern aus dem heutigen Tschechien. Auf Keramikscherben fand man Abdrücke pflanzenfasriger Geflechte, die auf eine bereits hochstehende textile Kultur schließen lassen, rd. 25.000 Jahre v. Chr.
In der Bronzezeit wurde nördlich der Alpen Wolle bearbeitet und verwebt. Die Römer berichteten später über "Germanien" als Zentrum des Tuchhandels. Flämische Historiker datieren den Einzug der Leinenverarbeitung
in die Zeit um 2.000 v. Chr.

Zeittafel: Bis zur Bronzezeit

Wir sind gewöhnt, den Beginn der Kulturen außerhalb Europas zu suchen, weil wir über die Hochkulturen jenseits des Mittelmeers wegen ihrer schriftlichen und baulichen Zeugnisse sehr viel mehr wissen. Erst der Fortschritt der archäologischen Technologie erschließt uns die schwachen Spuren vergänglicher textiler Produkte früher heimischer Kulturen.
Der Strom der Fakten beginnt erst im Mittelalter zu fließen, nach dem Zerfall des Römerreiches, den Wirren der Völkerwanderung und der Entstehung stabiler Reiche im Osten und Westen unseres Kontinents. Wie schon zur Römerzeit war Wolle der wichtigste textile Rohstoff im Mittelalter.

Zeittafel: Altertum

Die 1. Industrielle Revolution
Zwischen den Jahren 700 und 1300 wuchs die Bevölkerung von 27 auf 70 Mio an. Eine erste industrielle Revolution bewältigte diese Herausforderung für die Versorgung der Menschen mit Gütern des täglichen Bedarfs. Wichtige neue Erfindungen wurden gemacht, z.B. die mit Wasserkraft betriebene Walkmühle (1086) und der Webstuhl mit Tritten und Schäften (12. Jh.). Die Schafzucht wurde intensiviert und die Tuchproduktion wanderte vom Land in die Stadt, begleitet von einem Geschlechterwechsel; anstelle der Frauen webten jetzt Männer. Bis weit ins 13. Jh. hinein konzentrierte sich die europäische Textilindustrie auf die flämischen Städte Ypern, Gent und Brügge, sowie auf nordfranzösische Städte wie Arras, Saint-Omer und Douai. Bis Mitte des 13. Jh. wurden südlich der Alpen nicht so hochwertige Tuche hergestellt. In Florenz z.B. war man auf das Färben und Nachbehandeln aus Nordwesteuropa importierter Stoffe eingerichtet. Sowohl im Norden wie im Süden bildeten die Textilarbeiter der Metropolen ein Industrieproletariat. Erste Streiks sind aus Douai im Jahre 1245 verbürgt.
Zu jener Zeit waren auf den guten Böden Schafweiden der intensiveren Landwirtschaft gewichen. Man bezog die Rohwolle aus England, was die Produktion für politische Strömungen anfällig machte. Als der englische König Edward I. 1275 hohe Zölle verhängte und 21 Jahre später Festlandeuropa sogar mit einem Wollembargo belegte, führte das in den traditionellen Wollverarbeitungsbebieten zu Hungersnöten und Bevölkerungsabwanderungen, u.a. auch nach England.

Zeittafel: Mittelalter

Das Entstehen eines hochentwickelten Bankwesens in der zweiten Hälfte des 13. Jh. in Italien brachte der dortigen Textilindustrie Vorteile. Die Bankiers in Florenz waren in der Lage, Wollvorräte für ein bis zwei Jahre im voraus zu finanzieren. Zu Beginn des 14. Jh. produzierte man in Florenz schon hochwertige Tuche und stellte im Jahre 1338 bereits 80.000 Ballen davon her.
Die Erhöhung der Produktionsleistungen ging mit einer extremen Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft und fortschreitender Arbeitsteilung einher. Bereits im 13. Jh. hatte sich in Flandern das Verlagssystem durchgesetzt und wurde schrittweise überall eingeführt. Auch die technologischen Entwicklungen beschleunigten den Arbeitsprozeß. Nachdem man 1268 das Spinnrad nach indischem Modell eingeführt hatte, mußten für einen Weber nur noch vier bis zwölf Spinnerinnen arbeiten. Erst wieder um 1500 gab Leonardo da Vinci Anstöße zur technischen Verbesserung der Spinnerei. Zwischen 1520 und 1530 wurde das sog. Sächsische Spinnrad mit Flügelaufwindung und Tretantrieb eingeführt.
Im 16. Jh. bestanden neben Flandern und Norditalien wichtige Textilzentren in England und Irland, in Süddeutschland, Böhmen und Oberschlesien, in Lyon, in Katalonien, Madrid und Granada, in Portugal, in der Gegend um Neapel und in Griechenland. Im 18. Jh. entstanden zusätzlich große Industrieansiedlungen um Moskau, St. Petersburg und im polnischen Lodz, sowie im Elsaß.

Zeittafel:Neuzeit

Die 2. Industrielle Revolution
Die zweite textilindustrielle Revolution nahm in England ihren Ausgang, begünstigt durch das frühe Erstarken des Bürgertums (1689 Declaration of Rights), eine erhöhte Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten und billige Rohstoffe aus den Kolonien. Wie schon am Anfang des Mittelalters überstieg die Nachfrage das Angebot und forderte die Erfindungsgabe der Unternehmer und Ingenieure heraus. Um 1733 entstanden durch John Kay Verbesserungen am Trittwebstuhl: Das Schnellschußsystem wurde patentiert. 1738 bauten Lewis Paul und John Watt die erste Spinnmaschine und meldete Hargreaves 1770 seine "Spinning Jenny" zum Patent an, lange nachdem die in Vergessenheit geratene wassergetriebene Seidenzwirnmaschine 1272 in Italien eingeführt worden war.
War bis dahin Wolle der wichtigste Rohstoff, so übernahm seit 1760 Baumwolle allmählich diese Stellung. Und mit der Baumwollverarbeitung begann das eigentliche Maschinenzeitalter. Die "Spinning Jenny" hatte die Produktivität der Spinnerei nochmals um das Drei- bis Sechsfache gesteigert. Unternehmer wie Richard Arkwright (1732-1792) errichteten in den 1770er Jahren ihre ersten mechanischen Spinnereien im Fabriksystem.
Bis 1750 geschah alle fortgeschrittene Textilproduktion im Verlagssystem. Kapitalkräftige Unternehmer versorgten eine weitverzweigte Hausindustrie mit Rohstoffen und organisierten die Abnahme und den Vertrieb der Fertigprodukte. Das aufkommende Fabriksystem versammelte die Arbeitskräfte in großen Gebäuden, in denen die modernsten Produktionsanlagen standen. Die Stadt Manchester steht für die hohe Zeit des frühen Fabriksystems in England. Hier hatte man ursprünglich Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle hergestellt. Weil ein Gesetz aus dem Jahre 1721 verbot, reines Baumwollgewebe herzustellen, hatte man sich darauf verlegt, fustian (Barchent) aus Leinenkette und erlaubtem Baumwollschuß zu produzieren. Das führte zu einer ersten Blüte des Baumwollhandels. Seit 1753 wird Baumwolle an der Londoner Börse gehandelt.
Ab Anfang des 18. Jh. war man - von Ausnahmen abgesehen - vom Pferdeantrieb auf die Nutzung der Wasserkraft übergegangen. Mit Beginn des 19. Jh. wurde die Wasserkraft zunehmend von der Dampfkraft abgelöst. Ab 1785 kamen die ersten Dampfmaschinen in Textilfabriken zum Einsatz und veränderten die Standortbedingungen der Produktionsbetriebe. Es wurde wichtiger, Fabriken an Bahnlinien und günstig zu Kohlevorkommen anzusiedeln, als entlang von Flußläufen.
In der ersten Hälfte des 19. Jh. verbesserte man in Europa und in den USA die bestehenden Web- und Spinnmaschinen. Einen bahnbrechenden Entwicklungsschritt machte Jean-Marie Charles Jacquard mit seiner durch Lochkarten gesteuerten Webmaschine, die nur noch von einem Weber bedient werden mußte und die die bis dahin aufwendig zu bedienenden Zugwebstühle ablöste. Von 1825 bis 1830 entwickelte der Engländer Richard Roberts eine automatische Spinnmaschine, "Selfactor" genannt, die das Prinzip der "Spinning Jenny" nochmals verbesserte. Im Jahre 1851 gelang es Isaak Merrit Singer in den USA, eine industriell einsetzbare Nähmaschine zu bauen, nachdem schon knapp 100 Jahre zuvor in England ein erstes Patent in diesem Technologiesektor angemeldet worden war.
Einen größeren Innovationsschub im Textilmaschinenbau löste zum Ende des 18. Jh. die Elektrotechnik aus. 1897 stellte der Deutsche Werner von Siemens die erste elektrisch betriebene Webmaschine vor.
Die spannendsten Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. vollzogen sich jedoch auf dem Gebiet der Textilchemie, und zwar sowohl mit Blick auf Spinnstoffe aus synthetischen Materialien, als auch in Bezug auf die Textilveredlung. Kunstseide aus "flüssigem Holz" und neue künstliche Färbemittel revolutionierten die Textilwirtschaft. Schon 1830 war es dem französischen Biochemiker A. Payen gelungen, Zellulose aus Holz zu gewinnen. Dennoch braucht es 66 Jahre, bis 1905 eine große Viskose-Fabrik in Coventry/England gebaut werden konnte und die Firma Courtauld Ltd. im großen Stil Viskosegarn zu produzieren begann. Weitere synthetische Spinnstoff-Herstellungsverfahren, die erst im 20. Jh. ihren Siegeszug antraten, feierten im späten 19. Jh. Anfangserfolge. - 1843 konnte der deutsche Chemiker August Wilhelm von Hofmann das Geheimnis der schon seit 1826 bekannten Anilinfarben lüften. Sein Assistent und Nachfolger am Londoner Royal College of Chemistry entwickelte das Herstellungsverfahren zur Produktionsreife, baute 1857 eine Farbstoffabrik und produzierte "Mauvein", die Modefarbe der viktorianischen Epoche.

Zeittafel: 19. Jahrhundert

Vom 20. Jahrhundert bis heute
Die Menschheit befindet sich seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg inmitten der dritten industriellen Revolution - und ist wieder angetrieben von einem enormen Nachfragedruck. Zwischen 1900 und 1980 wuchs die Weltbevölkerung von 1,5 auf 4,6 Milliarden Menschen. Im gleichen Zeitraum konnte die Weltfaserproduktion von 3,5 auf 31 Milliarden Tonnen pro Jahr gesteigert werden, d.h., daß trotz stark gestiegenen Bevölkerungswachstums pro Kopf dreimal mehr Textilfasern produziert wurden als zu Beginn des Jahrhunderts.
Ein perfektionierter Welthandel, eine stetig intensivierte Automation der Produktionsabläufe, von der Rohstoffgewinnung bis zu Abfallwirtschaft, und die Revolutionierung der Informationstechnologien kennzeichnen diese Produktionszunahme in der Textilwirtschaft.
Dieser Prozeß ist von einem einschneidenden Strukturwandel begleitet. Alte Industrieanlagen verfallen, lohnintensive Produktionen werden in Niedriglohnländer ausgelagert und vergrößern die textilindustrielle Brache in unseren Ländern.

Zeittafel: 20. Jahrhundert

Warum europäische Textilrouten?
Werden wir uns eines Tages unserer Industriegeschichte anhand weniger Ruinen erinnern wie angesichts der Überreste des klassischen Altertums? Oder werden wir nach zahllosen Kriegen einige Industriedenkmäler wieder rekonstruieren wie unsere mittelalterlichen und neuzeitlichen Bauten in den Zentren der Städte? Wie ist unsere textile Industriegeschichte auf friedliche Art zu revitalisieren und auf innovative Weise zu tradieren?
Die Europäischen Textilrouten wollen diese Frage im Bewußtsein der Bevölkerung unserer Länder wach halten und interessierte Wanderer gleichermaßen mit Stätten der Erinnerung (baulichen Zeitzeugen, Museumssammlungen und Archiven) und mit Institutionen bekannt machen, die den zeitgenössischen kreativen Produktionsprozeß in Gang halten, wie Künstler-, Handwerker- und Designervereinigungen, Werk- und Ausbildungsstätten. Vielleicht wird auf diesen Wegen die eine oder andere Anwort auf die vielen Fragen gefunden, die uns die Zeugen der Vergangenheit stellen.

Beatrijs Sterk



Flachsbearbeitung in Ägypten
 


Domestizierter Schafsbock auf römischem Keramikfragment
 


 

Früheste Abbildung eines Spinnrades, um 1480
 


Leonardo da Vinci mit seinem Flügelspinngerät, 1516
 


James Hargreaves "Spinning Jenny" (Modell), 1767
 


Richard Arkwrights "Water-frame-spinning machine", 1769
 


Spulenwickelsystem für mechanische Webstühle, spätes 19. Jh.
 


Chemiefasern entstehen durch Pressung durch Spinndüsen
 


Moderne elektrisch betriebene Webereiautomaten im 20. Jh.