Darum Europa

Europa ist ein Kontinent im Umbruch. Alte ideologische Leitideen verlieren ihre Bedeutung. Noch ältere Ordnungsmuster erfahren eine Wiederbelebung. Neue unabhängige Staaten entstehen; alte Staaten schließen sich zu supranationalen Wirtschaftsgebilden zusammen.

Neue Leitideen haben bislang wenig Anziehungskraft oder blieben diffus, de Gaulles "Europa der Vaterländer" ebenso wie Gorbatschows "Europäisches Haus".

Es brauchte die Erfahrungen zweier Weltkriege, um überhaupt eine Art europäischen Gewissens zu etablieren, das seit 1949 durch den Europarat in Straßburg verkörpert wird. Im 1. Kapitel seines "Londoner Statuts" heißt es: "Das erste Ziel ist, eine engere Union zwischen den Mitgliedsstaaten zu schaffen, um die Ideale und Prinzipien, die ihr gemeinsames Erbe sind, zu schützen und den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu fördern." Erreicht werden soll dieses Ziel "durch Prüfung von Fragen gemeinsamen Interesses, durch Abschluß von Verträgen und Beschlüssen für gemeinsames Vorgehen auf den Gebieten Wirtschaft, Soziales, Kultur, Wissenschaft und Verwaltung sowie Schutz und Entwicklung der Menschenrechte und Grundfreiheiten." Als ein gleichsam zweites Geburtsdatum sieht man im Europarat den 4. November 1950 an, an dem in Rom die Europäische Konvention der Menschenrechte unterzeichnet wurde. - Seit 1965 hat der Europarat eine umfassende Sozialcharta, die u.a. auch das Recht auf Arbeit garantiert.

Leider blieben die Grundrechte in Europa und anderswo trotz Europarat und UNO weitgehend uneingelöst. Die Teilung der Welt in Arme und Reiche, Rechtlose und Bevorrechtete durchzieht alle Lebensbereiche, im Verhältnis der Völker untereinander wie innerhalb der Staaten. Der lautlose Konflikt zwischen Armen und Reichen ist eine alltägliche Erfahrung in allen Völkern. Die private Anhäufung materieller Güter und Ressourcen auf Kosten der Mitmenschen behindert die Entfaltung einer friedlichen Kultur des Zusammenlebens der Individuen und Völker. Es fehlt an überzeugenden Idealen der Mitmenschlichkeit, an Respekt vor den natürlichen Lebensgrundlagen und an Lebensperspektiven über den individuellen Tod hinaus.

Die institutionelle Stärkung des Europarats wird für unseren Kontinent in Zukunft ein Gradmesser für den Verständigungswillen der Europäer sein. Dies trifft auch auf die kulturelle Integrationskraft der Staaten und Völker zu.

In der Vergangenheit kam der Europarat mit den Amtssprachen Englisch und Französisch aus. Seit Öffnung der Grenzen zu Osteuropa, zum slawischen Sprachraum mit einem Bevölkerungsanteil von 35 % der Europäer, hat sich der Kommunikationsbedarf wesentlich erweitert. Dieser Entwicklung ist Rechnung zu tragen.

Darum Europa - weil das aus europäischen Umbrüchen entstandene Netzwerk für Textil nur eine glaubwürdige Institution textilkultureller Zusammenarbeit werden kann, wenn es zunächst am Beispiel unseres Kontinents die Probleme und Chancen aufgreift, die sich aus seiner Gesamtbevölkerung von knapp 700 Mio. Menschen ergeben.

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